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«Cohiba, der Trabant unter den Zigarren»

#ZIGARREN 16. Juni 2014

Baron von Bossner (vormals Konstantin Loskutnikov), der Gründer der Zigarrenmarke Bossner, hat sich mit einem poetischen Elaborat an die Presse gewandt. Es heisst «Kuba – meine Liebe???», ist  nachfolgend vollständig zitiert und handelt von Bossners alter Liebe zu Kuba und Havanna-Zigarren. Die Liebe ist das Leitmotiv, er vergleicht die Entwicklung der kubanischen Zigarre mit Frauen, die in der Jugend süsser schmeckten (oder so ähnlich). Bossner will darauf hinaus, dass der Reiz der Revolution längst verflogen sei und Havannas nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Fair enough, könnte sogar etwas haben. Doch dann kommt es, wie es kommen musste: Bossner-Zigarren sind einfach besser. In bührlescher Manier erzählt der Baron von einem nicht namentlich genannten Land, in welchem heute doppelt so viele Bossner-Zigarren verkauft würden wie Havannas (die Schweiz ist es nicht). Wie ein Experte es ihm bestätigt habe, müsse man eine Cohiba heute auf die Stufe eines Lada oder Trabant setzen, ziehe man den Vergleich zur Autowelt. Statt sich über den offenbar riesigen Erfolg seiner Zigarren zu freuen wird Bossner am Schluss sentimental und wird gewahr, dass er selber auch nicht mehr der Jüngste ist.

Heute, möchte ich über Kuba nachdenken. Jeder von uns beschäftigt sich gern mit diesem Thema. Mit welchem Thema, werden Sie fragen, …Liebe. «Kuba – meine Liebe!» Diesen Satz kennen alle, die aus der Sowjetunion der 1960er stammen. Heute würde ich eher ein Fragezeichen statt einem Ausrufungszeichen an das Ende des Satzes stellen. Warum? Die Liebe ist ja noch da. Sie ist nur anders als früher und nicht mehr so, wie man sie in Erinnerung hat. Ich bin nicht der Einzige, der sich mit 17 verliebt hat. Verliebt in das allerschönste Mädchen der Welt, das einem eine Lebensfreude schenken kann, die man in keinem anderen Alter erleben wird. Verliebt in ein fernes Land, dessen Freiheit, Natürlichkeit und dessen unerschöpfliches Genussangebot sehr verlockend erscheint. Oder, verliebt in eine Zigarre… Damals, in den 1970er Jahren habe ich, wie viele meiner Altersgenossen, mit dem Rauchen angefangen und ausgerechnet die kubanische Zigarre wurde das Symbol des vollkommenen und bedingungslosen Vergnügens. Wie hat sich diese Liebe nach 40 Jahren verändert? Lassen Sie mich „Liebesvergleiche“ ziehen. Das Mädchen hat sich in eine reife Frau verwandelt. Natürlich gibt es viele Paare, die ihre Gefühle das ganze Leben hindurch tragen können. Um ehrlich zu sein: ist eine 60-jährige Frau in der Lage ihren Geliebten genau so viel Vergnügen zu schenken, wie vor vier Jahrzehnten? Und was ist mit dem Land, das von einer politischen und wirtschaftlichen Krise schwer erschüttert wurde? Und die Zigarre?.. Die ersten Anzeichen für die sinkende Qualität der kubanischen Zigarren wurden in den Jahren 1991-1992 spürbar, als die Insel der Freiheit die riesigen Subventionen der Sowjetunion verlor. Ist es möglich, dass wir diese Zigarren kritiklos genossen? Wir hatten doch keinen Vergleich! Wie liebt man diese Frau, die Einzige, der man auf seinem Lebensweg begegnet ist, und fängt plötzlich an Makel an ihr zu entdecken, nachdem man die „Schönheiten“ aus Nicaragua, der Dominikanischen Republik oder Honduras kennengelernt hat? Man sagt, ein Land, das selbst niemals Schuhwaren herstellte, konnte die Bedürfnisse der Bevölkerung nach Schuhen gut erfüllen, weil die Menschen nichts anderes kannten. Als sie aber etwas anderes gesehen haben, wurden sie mit dem, was sie zuvor getragen haben, unzufrieden… Irgendwie mag ich diese Vergleiche nicht. Aus irgendeinem Grund, bin ich immer wieder auf der Suche nach dieser kubanischen Zigarre, die mir sagen wird, mein Lieber, man kann doch zweimal in denselben Fluss steigen… Das letzte Mal das ich eine gute kubanische Zigarre probiert habe, war im Jahr 2003. Diese Zigarre wurde mir von Alejandro Robaina, dessen Marke weit über die Grenzen der Insel der Freiheit berühmt ist, überreicht. Man sagt, dass die Marke Vegas Robaina eine Art der kubanischen Sehnsucht nach der sowjetischen Vergangenheit ist. Als diese neue Zigarrenmarke Mitte der 1990er Jahre konzipiert wurde, hatte der Staat beschlossen, ihr den Namen eines ehrenwerten Tabakbauern zu geben. Das war der Name des alten Don Alejandro Aniceto Maruto Robaina, zu dieser Zeit schon weit über siebzig. Don Alejandro galt als führender kubanischer Tabakexperte, lange bevor Pancho Linares, der damalige Präsident des Habanos S.A., ihm angeboten hat, seinen Namen für die neue Zigarrenmarke zu verwenden. Bereits 1954 schrieben Zeitungen über die Techniken, die er auf seinen Plantagen anwandte. 1980 war er einer der wenigen Bauern, die ihre Ernte vor dem Tabakblauschimmel, der die Tabakplantagen in Kuba infizierte und eine drohende Katastrophe darstellte, rettet haben. Mit seiner großen Erfahrung, Anerkennung, Bauernweisheit und dem Volkswissen war Don Robaina die perfekte Verkörperung der Idee der Verwaltung des Habanos S.A. Wie lange ist das her … Und Alejandro ist nicht mehr da – die Kenner und die Meister gehen. Es fällt sehr schwer, Menschen zu verlieren. Es ist sehr schmerzhaft, die Liebe zu verlieren. Doch wer spricht von solch einem Verlust? Ich reise häufig nach Kuba, nicht nur wegen meiner Suche nach der vergangenen Liebe, sondern auch, um das Flair der Sowjetunion, im besten Sinne, natürlich, wieder zu spüren. Das Flair der faszinierenden Welt des Optimismus und Lebensgenusses. Das Flair des warmen und herzlichen Umgangs mit Freunden und Fremden. Wer denkt schon da an die schönen Palmen? Es gibt ja noch Orte auf der Welt, an denen weder Krisen noch Armut die Beziehungen zwischen den Menschen zerstören können. So war es in der Sowjetunion. Es gibt so viel Gutes in den Erinnerungen aus der Kindheit und der Jugend. So ist es auch heute in Kuba. Das Glauben an Fidel, Che Guevara und die Träume von einer glücklichen Zukunft. „Kuba – meine Liebe!“, „Kuba – meine Liebe …“, „Kuba – meine Liebe?“ Nein, meine Liebe, ich werde hier noch kein Fragezeichen setzen. Obwohl meine regelmäßigen Versuche deinen einzigartigen Geschmack und dein Aroma zu spüren, mich jedes Mal dazu antreiben, wenn ich das Feuerzeug an die Spitze einer „Cohiba“ halte. Wo bist du, meine zarte Jugendfreundin? Ich suche die Gegenseitigkeit, doch es kommt mir vor, als wenn ich gegen die kalte Wand des Unverständnisses stoße. Wenn die Zeit dich nicht geschont hat, so ist es nicht deine Schuld, sondern der Grund für meine Schwermut. In einem Land, in dem meine Zigarren in 60 Boutiquen vertreten sind, war Anfang des Jahrtausends das Verhältnis von kubanischen Zigarren und der Marke „Bossner» 10:1. Nach einem Jahrzehnt ist das anderes: zwei „Bossner“ Zigarren stehen einer Zigarre aus Kuba gegenüber. Als Zigarrenunternehmer freue ich mich natürlich darüber. Gleichzeitig bin ich auch traurig, weil mein Herz nicht in der Lage ist, diesen Verlust zu akzeptieren. Bei einem Treffen der Zigarrenexperten wurde ich in ein seltsames Gespräch einbezogen. Ich hatte eine „Cohiba“ in der Hand und mein Vis-à-Vis hielt eine nicaraguanische Zigarre. „Herr Bossner, was für ein Auto fahren Sie?“ – „750-er BMW.“ – „Warum rauchen Sie dann eine „Cohiba“???“ Es stimmt schon. Zu meinem tiefsten Bedauern, werden heutzutage die besten kubanischen Zigarrenmarken auf die gleiche Ebene wie „Lada“ oder „Trabant“ gesetzt, wenn man überhaupt Zigarren mit Autos vergleichen darf. Und das Bittere ist, dass die Worte diesen bekannten Zigarrenexperten ganz im Einklang mit meinen Gedanken standen. Doch nicht mit meinen Gefühlen: ich kann jederzeit eine nicaraguanische Zigarre statt einer kubanischen Zigarre nehmen, aber wie kann ich meiner Jugendliebe untreu sein? Und ich bin da nicht der Einzige. In den 1970er, kosteten die kubanischen Zigarren in der UdSSR kaum etwas. Nun, sicher kosteten sie etwas, aber im Prinzip waren sie nicht teuer. Ich kaufte nicht Dutzende und nicht Hunderte von diesen Zigarren, sondern Tausende und verkaufte sie gleich weiter. Das ist ja auch nicht peinlich, irgendwie musste man seine Brötchen verdienen! Aber wie erglühten die Augen der amerikanischen Touristen in Leningrad! Mit welch einer Freude… Und wer von ihnen interessiert sich jetzt für kubanische Zigarren? Es tut so weh, als wenn es ein Teil von mir wäre! Man sagt, dass guter Wein im Laufe der Jahre immer besser wird. Dennoch es kommt oft vor, dass die Qualität nach Überschreiten eines gewissen Höhepunktes plötzlich sinkt. So riecht ein professioneller Sommelier vorsichtig am Flaschenhals eines seltenen Weins, entschuldigt sich bei den Kunden und bestellt eine andere Flasche. Meine liebste kubanische Zigarre ist nicht auf natürliche Weise alt geworden. Sie hat einfach zu viele politische, wirtschaftliche und menschliche Katastrophen ertragen müssen. Das ist schmerzhaft und traurig. Wahrscheinlich fühlt man so, wenn man feststellt, dass die Jugend und auch die junge Liebe vorbei sind. Doch ich werde weiter von ihr träumen und sie vermissen.» Konstantin Loskutnikov, Baron von Bossner Zigarrenproduzent und Präsident des deutschen Klubs der Orthodoxen Mäzene

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