Genuss-Brimborium
An Constantin Seibt erinnern wir uns noch als Autor des Interviews mit Heinrich Villiger, Kurt Imhof und Daniel Strassberg. Sein Artikel «Der kleine Weinführer für Barbaren», erschienen in der Online-Ausgabe des Tages-Anzeigers, ist wiederum eine Leseempfehlung. Für alle Weinlaien, aber nicht nur. Ein Auszug:
Zugegeben, Kenntnisse wären erfreulich. Es muss ein immenser Genuss sein, eine Zunge zu haben wie Musiker Ohren: beim ersten Schluck eine Sinfonie von Aromen herauszuschmecken – solche Leute sind beneidenswert. Reserviertheit aber empfiehlt sich gegenüber Leuten, die stundenlang über Wein und Essen reden. Ist es echte Leidenschaft, oder ist die Erweckung von Neid ihr wirkliches Ziel?
Das Wappentier der Höflichkeit ist das Chamäleon: die Angleichung an das Gegenüber. Monologe, Namedropping und Expertentum hingegen gehören in kein Benimmbuch.
Was Seibt hier beschreibt, dürfte wohl jedem bekannt vorkommen (die monologisierenden Experten ausgenommen natürlich). Täusche ich mich, wenn ich feststelle, dass dieses Selbstdarsteller-Phänomen unter Zigarrengeniessern weniger oft auftritt? Eine mögliche Erklärung, beziehungsweise die Grundlage dafür, liefert Constantin Seibt in folgendem Abschnitt:
Wein ist ein Kulturgut mit eigener Wissenschaft, Fachpresse, Expertenstreit, mit Ritualen, Tradition, Lyrik und sogar einer eigenen Priesterkaste. Und wie alle Kulturen verbreitet die Weinkultur nicht nur Freude, sondern auch Angst und Schrecken unter den Unkundigen. Kultur und Tortur – das reimt sich: Gesichtsverlust war zu allen Zeiten und in allen Zivilisationen eine schlimme Strafe.
Auch wir Zigarrengeniesser verweisen gerne auf die Jahrhunderte alte Zigarrenkultur, gerade wenn es um politische Eingriffe in unsere Freiheiten geht. Aber im Vergleich zur Weinkultur steckt jene der Zigarre in den Kinderschuhen. Man denke nur an die Weinsprache oder an den Professionalisierungsgrad der Ausbildung. Diese «Rückständigkeit» mag Nachteile haben. Geniessen können wir Zigarrenfreunde dafür ohne viel Brimborium.