«Masslosigkeit im Mässigen»
Die Zeit hat mit dem Philosophen Robert Pfaller über den Hang unserer Gesellschaft zu Verzicht und Verboten gesprochen («Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Genuss»). Das ganze Gespräch ist unbedingt lesenswert; der folgende Ausschnitt beschäftigt sich mit einer Idee von Epikur über die Masslosigkeit im Mässigen:
ZEIT ONLINE: Sie bescheinigen uns eine aktuelle «Maßlosigkeit im Mäßigen». Woher kommt eigentlich die Idee dazu?
Pfaller: In meinem vorigen Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft hatte ich den Satz geschrieben «Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist.» Als ich diesem Gedanken nachging, entdeckte ich ihn bei Epikur wieder. Er sagt, mit der Mäßigung müsse man maßvoll umgehen, weil sie selbst sonst zum Exzess wird. Diese listige Forderung nach Verdoppelung der Mäßigung hat mich besonders amüsiert, da wir die antiken Philosophen sonst ja meist als öde Mäßigungsprediger kennen.
ZEIT ONLINE: Steckt hinter einer Kritik der Mäßigung nicht aber auch ein wenig Neid auf die Disziplinierten, die Schönen, Gesunden, Schlanken, Erfolgreichen? Ist Disziplin nicht eine besonders wertvolle Leistung?
Pfaller: Wir sind nicht diszipliniert; wir haben nur ein gestörtes Verhältnis zum Genuss. Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten. Menschen sind von sich aus alles andere als genussorientiert und hedonistisch. Erst die Kultur kann ihnen ein wenig dazu verhelfen. Freilich vermögen das nicht alle Kulturepochen im selben Maß. Die unsere bestärkt uns darin, das tyrannische Über-Ich ernst zu nehmen, anstatt uns zu helfen, seine Kindereien mit Humor zu betrachten.