Über das Wesen des Stumpens
Im Jahr 2013 besuchten wir die Fabrik von Villiger in Pfeffikon, um mehr über das Wesen des Stumpens zu erfahren. In Erinnerung an Heinrich Villiger, der jetzt verstorben ist.Im Glarnerland, wo ich aufgewachsen bin, gibt es einen Brauch, der heisst „Chlausschellnen“. Mit Kuhglocken zieht die Schuljugend immer Anfang Dezember von Haus zu Haus und erbettelt Erdnüsse und Süssigkeiten. Zu meiner Zeit kehrte man am Ende im Wirtshaus des Dorfes ein und wärmte sich die Finger an einer heissen Ovomaltine. Und dann rauchten die Sechstklässler, die etwas auf sich hielten, einen Stumpen. Es war sozusagen der Initiationsritus des Dorfes, der inzwischen wahrscheinlich ein Opfer des Rauchverbots geworden ist. Dann ist der Stumpen, die Zigarre aus Schweizer Produktion, die für uns Kinder damals fürchterlich stank und auf der Zunge brannte, wieder aus meinem Leben und Bewusstsein entschwunden. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich die handgerollten Zigarren aus der Karibik entdeckte. Zum anderen hat sich in den letzten Jahrzehnten auch die Stumpenbranche verändert. Die Nachfrage ist eingebrochen, nur zwei Hersteller sind übrig geblieben: Burger, heute besser bekannt unter dem Namen Dannemann, und Villiger.
Dass mein Interesse wieder erwacht ist, hat mit Heinrich Villiger zu tun, der in der Premium-Zigarren-Welt ebenso zu Hause ist wie in der Welt der Stumpen. Seine Firma produziert Cigarillos und traditionelle Stumpen. Daneben lässt Villiger von einer Partner- Manufaktur in der Dominikanischen Republik handgerollte Longfiller-Zigarren herstellen, und als Teilhaber der Habanos-Importeure von Deutschland und der Schweiz weiss Heinrich Villiger, wie eine Premium-Zigarre schmeckt. Mit ihm will ich das Wesen des Stumpen erkunden. Was sind das für Zigarren, die hier in der Schweiz entstehen und kaum noch wahrgenommen werden?
Unsere Erkundungstour beginnt in der Fabrik in Pfeffikon, in der Abteilung Tabakaufbereitung, wo die Mischungen entstehen. Am Anfang eines Förderbands steht eine grosse Maschine. „Hier werden die ganzen Tabakballen zerschnitten“, erklärt Heinrich Villiger. „Man kann sich das wie ein grosses Käsemesser vorstellen, das 10 bis 20 cm Stücke abschneidet“. In der darauf folgenden Befeuchtungstrommel wird der Tabak mit Dampf und Wärme geschmeidig gemacht. Dann werden die Tabakstücke automatisch entrippt. „Der Vorgang ist vergleichbar mit dem Dreschen von Getreide“, sagt Heinrich Villiger. Die Mittelrippe wird herausgeschlagen. Im sogenannten Separierschacht werden die schweren Rippenstücke danach abgesondert. Die letzte Station der Aufbereitung ist der Fremdkörper-Abscheider. Unter anderem prüfen optische Sensoren, ob es Fremdkörper im Tabak hat.
Alles läuft vollautomatisch ab, nur die Befüllung der Anlage mit den Tabakballen erfolgt von Hand. Die Tabake einer Mischung laufen nacheinander durch die Aufbereitung. Am Schluss werden sie in der Mischanlage gemischt und ruhen danach. „Wir geben den Tabaken genügend Zeit, damit sie sich verheiraten können“, erklärt Heinrich Villiger.
„Die Mischungen unserer Produkte haben etwa sieben bis acht Komponenten“, sagt Heinrich Villiger. Wir stehen jetzt im gut gefüllten Rohtabak-Lager der Firma. Jedes Herkunftsland ist an einer besonderen Verpackung erkennbar. Die Tabake aus Indonesien werden in aufwändig geflochtenen Ballen angeliefert. Die kubanischen Tabake sind in den Blättern der Königspalme verpackt. „Das Problem der kubanischen Verpackungsart ist die Tara, das enorme Leergewicht der Palmenblätter“, erklärt Villiger. „Kuba fehlen moderne Verballungspressen, deshalb wird sich daran wohl nichts ändern“. Der Tabak aus Deutschland wird in der Normverpackung aus Karton angeliefert.
„Ein guter Tabak“, meint Heinrich Villiger zum Deutschen Geudertheimer. „Leider geht die Produktion zurück, weil die Subventionen für den Tabakanbau gestrichen werden“, so Villiger. Qualitativ an erster Stelle steht Kuba. Auf den Ballen, die in die aktuelle Produktion gehen, steht das Kürzel ECT, die Abkürzung für Empresa Cubana del Tabaco, die Vorgängerfirma von Tabacuba. Ein Hinweis darauf, dass der Tabak ziemlich lange lagerte, wie Heinrich Villiger meint. Und tatsächlich ist als Erntejahr 98/99 vermerkt. „Wahrscheinlich haben die Kubaner diesen Tabak in einem Lager entdeckt“, glaubt Villiger. Derart lange werden die Tabake in Pfeffikon nicht gelagert.
Heinrich Villiger selber hat den Tabakeinkauf auf seinen Lehr- und Wanderjahren auf Kuba erlernt. Heute beschäftigt Villiger einen Chefeinkäufer, der im Jahr für rund 35 Millionen Euro Tabake kauft. „In Kuba gehen wir von Dorf zu Dorf und schauen uns die Qualitäten an“, sagt Villiger. „Es gibt grosse Unterschiede.“ Der Einkäufer öffnet die Tabakballen und prüft die Tabake optisch und haptisch. Meist ist ein Zigarrenroller dabei, der aus den Tabaken Testzigarre zur Prüfung des Geschmacks rollt. Auch einzelne Blätter werden angezündet, erklärt Villiger. „Tabak, der nicht brennt, ist nie gut“.
Der alte kubanische Tabak verströmt einen köstlichen Havanna-Duft, als Heinrich Villiger ihn entzündet. Die Klassifikation „HP V“ steht für Hojas Principales aus der Vuelta Abajo, es sind also „normale Blätter“ aus dem Anbaugebiet, das auch die Tabake für die Habanos-Produktion liefert. Zudem kauft Villiger „Recortes de Mesa“, Abschnitte direkt vom Rollertisch, die bei der Fertigung der Longfiller-Zigarren anfallen. Diese sind vor allem in den Mischungen der grösseren Formate von Villiger zu finden: Im Rio 6, in der Villiger Premium und Export Serie, und natürlich im Stumpen Habana Feu, ein Wuhrmann-Produkt, das Villiger seit der Übernahme weiter produziert.
Grundsätzlich kann jedermann in Kuba Tabake einkaufen, erklärt Heinrich Villiger. „Allerdings exportieren die Kubaner nur Einlage-Tabake, keine Umblätter oder Deckblätter. Die Qualität, die wir einkaufen, ist nicht für die Produktion von Longfillern geeignet, weil die Blätter zum Beispiel beschädigt sind, oder Löcher haben. Am Geschmack des Tabaks ändert das aber nichts“. Der Havanna-Anteil an der Gesamtproduktion beträgt bei Villiger etwa 30 Prozent. „Der Anteil ist nach der Revolution stark gestiegen. Früher kauften die Amerikaner die besten Tabake auf“. Villiger musste aber eine Erklärung abgeben, dass man keine „Pseudo-Havanna“ fertige. Der Schutz der Herkunftsbezeichnung ist Kuba wichtig. Nur für das über 100-jährige Traditionsprodukt Habana Feu haben die Kubaner eine Ausnahme gemacht.
Der Tabak aus Brasilien hat in der Nase etwas Kratziges, wird von Villiger aber hoch eingeschätzt. „Die Qualität des brasilianischen Tabaks steht für mich hinter Kuba an zweiter Stelle, vor Honduras, Nicaragua und der Dominikanischen Republik“, sagt Heinrich Villiger. „Dass Brasilien nicht einen ähnlichen Aufschwung bei der Zigarrenproduktion erlebt hat wie die anderen Länder, hängt damit zusammen, dass viele Kubaner nach der Revolution in spanischsprachige Länder emigrierten“. Die Tabake aus Brasilien sind die teuersten im Lager, auch die Tabake aus Kuba gehören zu den teuren Sorten. „Bei den Preisen spielt nicht nur die Qualität eine Rolle. Viele europäische Hersteller verarbeiten traditionell einen hohen Anteil brasilianischer Tabake. Damit die Mischungen konstant bleiben, bezahlt man den höheren Preis.“
Sind die Tabake fertig gemischt und „verheiratet“, gehen sie in die Produktion. Auch die Herstellung läuft vollautomatisch ab. Die Mischungen werden in ein „Endlosumblatt“ gefüllt und auf die gewünschte Länge zugeschnitten. Bei diesem endlosen Umblatt handelt es sich um sogenannten rekonstituierten Tabak. „Das Rekon-Umblatt wird aus gemahlenem Tabak und pflanzlicher Cellulose aus Bindemittel hergestellt. Es ist geschmacksneutral und kein Papier“, erklärt Heinrich Villiger. Schliesslich bringt eine weitere Maschine das Deckblatt an, indem eine Maschine ein Blatt von einer Rolle, der sogenannten Bobine, aufnimmt, und den Wickel darin einrollt. Das Aufbringen der Deckblätter auf die Rollen ist sehr aufwändig und findet in Indonesien statt. Je nach Produkt werden noch Mundstücke angebracht oder der Kopf verschlossen, bis die Stumpen nach einem Qualitätscheck verpackt werden.
Am Nachmittag liegt die Fabrik in Pfeffikon schon im Halbschlaf. „Die Maschinen für die Stumpen-Produktion sind heute nicht mehr ausgelastet, die Produktionskapazität wäre viel grösser“, sagt Heinrich Villiger. Im obersten Stock herrscht hingegen Hochbetrieb. Hier flechten sechs Frauen in Handarbeit die traditionelle Villiger Krumme. Wer ursprünglich auf die Idee gekommen ist, drei Zigarren zusammen zu flechten, weiss Heinrich Villiger auch nicht. „Es heisst, dass die Zigarrenhersteller in der Karibik früher den Mitarbeitern für den Eigenbedarf drei Zigarren abgaben, das sogenannte Deputat. Die Zigarren wurden geflochten, damit man auf den ersten Blick sehen konnte, dass die Mitarbeiter keine Zigarren der normalen Produktion nach Hause nahmen“. Die Villiger Krumme gehört heute zu den meistverkauften Villiger Marken in der Schweiz. „Wir verkaufen sie auch gerade, aber die Leute wollen sie krumm“.
Im Unterschied zu den handgefertigten Longfiller-Zigarren aus der Karibik werden Stumpen trocken geraucht. „Das hat historische Gründe“, weiss Heinrich Villiger. „Vor hundert Jahren haben die Leute fast ausschliesslich Zigarren aus der heimischen Produktion geraucht. Import-Produkte waren enorm teuer. Vermutlich hat man aus praktischen Gründen auf eine Befeuchtung verzichtet, um das Schimmelrisiko zu minimieren“. Die Unterscheidung zwischen Stumpen und Zigarren lässt sich aber nicht über die Tabake treffen. Es werden nicht grundsätzlich andere Tabake verarbeitet als in der Zigarrenproduktion. „Wenn Tabak feucht ist, wird er milder“, erklärt Heinrich Villiger. Die Mischungen der Stumpen werden deshalb aber nicht bewusst milder zusammengestellt. Viele Mischungen haben sich über viele Jahrzehnte bewährt, neue Stumpen werden heute nur noch selten kreiert. „Sie müssen umgekehrt fragen“, sagt Heinrich Villiger. „Was passiert, wenn man einen Stumpen in den Humidor legt? Er wird ebenfalls besser“.
Auch die begriffliche Abgrenzung hat ihre Tücken. Mit der „Villiger Premium“-Linie fertigte die Firma Villiger vielleicht die ersten Zigarren und Zigarillos, die sich „Premium“ nannten. „Wir sind auf die Idee gekommen, eine Premium-Linie zu entwickeln, als die ersten Bier-Produzenten Premium-Biere auf den Markt brachten“, erinnert sich Heinrich Villiger. „Erst seit zehn, zwanzig Jahren hat sich dieser Begriff als Bezeichnung für handgerollte Zigarren durchgesetzt“.
Sicherlich ist heute ein Merkmal der Villiger Stumpen, dass sie maschinell hergestellt werden. Das war aber nicht immer so. Bis in die 1950er Jahre hielt die Schweizer Zigarrenindustrie an der Handarbeit fest. Dann nahm der Preisdruck zu: Die grossen Hersteller in den Nachbarländern hatten schon früher ihre Produktion mechanisiert und konnten deutlich günstiger produzieren. Gleichzeitig wurde die Zigarre mehr und mehr von der Zigarette verdrängt. Mit der Mechanisierung rettete sich Villiger in die Gegenwart. „Wir stellten früher genauso her, wie es heute in der Dominikanischen Republik üblich ist. Die Zigarrenroller arbeiteten in Zweierteams. Der erste rollte die Einlage mit einem Wickeltuch in das Umblatt, der zweite rollte die Wickel in das Deckblatt.“, sagt Heinrich Villiger. Villiger versuchte auch die Kubaner von diesem System zu überzeugen. „Aus Qualitätsgründen“. Diese halten aber an der „totalmente hecho a mano“-Technik fest.
Der klassische Schweizer Stumpen ist ein Kind der Geschichte. Man raucht ihn heute noch trocken, weil man es früher nicht anders kannte. Er wird mechanisch hergestellt, weil es ihn sonst nicht mehr gäbe. Für Heinrich Villiger hat der günstige Stumpen auch nach dem Siegeszug der Premium-Zigarre eine Daseinsberechtigung: „Wichtig ist, dass die Leute zur Zigarre kommen.“










