Der Rum von Venezuela
Venezuela galt einst als eines der wohlhabendsten Länder Südamerikas. Heute erzählen seine Rums von Vergangenheit, Widerstandskraft und wirtschaftlichem Potenzial.Mit den US-amerikanischen Schlachtschiffen, die vor der Hauptstadt Caracas aufkreuzten, rückte Venezuela in den Brennpunkt des Weltgeschehens. Am 4. Januar 2026 beendete ein US-Sonderkommando die jahrzehntelange Herrschaft von Nicolás Maduro. Die notleidende Bevölkerung atmete auf, doch die Zukunft bleibt ungewiss. Es geht um Politik und Öl, das zuletzt kaum noch floss, obwohl Venezuela über die grössten Ölreserven der Welt verfügt. Ein anderes Exportgut konnte sich hingegen trotz widrigster Bedingungen am Markt behaupten: Rum.
Rum aus Venezuela feierte in den letzten Jahren internationale Erfolge. Allen voran Diplomático, die meistverkaufte venezolanische Rummarke im Export und regelmässiger Gast bei internationalen Spirituosen-Prämierungen. Im Schatten dieses globalen Stars etablierte sich auch Santa Teresa als feste Grösse im Premium-Segment.
Die Wurzeln von Santa Teresa reichen zurück bis ins Jahr 1796. Seit 1830 wird auf der Hacienda Santa Teresa Rum produziert. Das Unternehmen blieb über fünf Generationen in Familienhand. Im Jahr 2023 erzielte Santa Teresa gemäss Bloomberg einen Jahresumsatz von rund 100 Millionen Dollar. Zum 200-jährigen Jubiläum entwickelte das Haus im Jahr 1996 den Premium-Rum Santa Teresa 1796. Der Rum, der das gesamte handwerkliche Wissen von zwei Jahrhunderten bündeln sollte, leitete die Exportoffensive von Santa Teresa ein.
Santa Teresa 1796 reift im Solera-Verfahren zwischen vier und 35 Jahren in Eichenfässern und zeichnet sich durch Tiefe, Balance und komplexe Aromen aus: Noten von Gewürzen, Trockenfrüchten, Vanille, Honig und dunkler Schokolade. Zu seinen Qualitätsmerkmalen zählen ein minimaler Zuckeranteil sowie der Verzicht auf künstliche Zusätze – nach den Vorgaben der venezolanischen «Denomination of Origin».
Die Politik der sozialistischen Machthaber tangierte auch Santa Teresa. Um die Jahrtausendwende begann die Besetzung von Teilen der familieneigenen Zuckerrohrplantage, die bis heute anhält. Das Unternehmen litt unter Sanktionen und Hyperinflation. Die Inhaberfamilie von Santa Teresa stellte sich den Schwierigkeiten auf ihre Weise entgegen: Sie engagierte sich im Unternehmergremium Conapri, das Kontakte mit der Regierung pflegte und für die Anliegen produzierender Unternehmen warb. Im Jahr 2003 überfiel eine bewaffnete Bande die Hacienda Santa Teresa. Statt Anzeige zu erstatten, bot die Familie dem überführten Täter Arbeit an. Der Anführer akzeptierte den Vorschlag – und trat mit seiner gesamten Bande zum Arbeitsdienst an. Aus dieser Episode entstand das Proyecto Alcatraz, das bis heute ehemalige Kriminelle durch Arbeit, Ausbildung und Sport reintegriert.
Während Venezuela politisch an einer Wegkreuzung steht, sind die Rums von Santa Teresa und Diplomático stolze Botschafter ihres Landes. Sie erzählen vom Potenzial, von der Geschichte und Identität ihrer Heimat.

