Die Kunst des Tabakblendings

Eines der Highlights am ProCigar-Festival war das Master-Blending-Seminar mit Hendrik Kelner von Davidoff. Anhand von speziell gerollten Zigarren konnten wir die Ausführungen des Meisters direkt nachvollziehen. Ich möchte drei Punkte aus dem Seminar herausgreifen: Das Zusammenspiel der Blätter; was es mit dem oft bemühten «ausgewogene Geschmack» auf sich hat; und die Frage nach dem Einfluss des Deckblatts auf den Geschmack.
Das Tabakblending beginnt mit der Einteilung der Tabakblätter in unterschiedliche Kategorien mit unterschiedlichen Eigenschaften. Die Blätter von ein und derselben Tabakpflanze unterscheiden sich, je nachdem, ob sie vom oberen Teil, von der Mitte oder vom unteren Teil der Pflanze stammen. Grob kann man drei Kategorien unterscheiden: Die Blätter der untersten Etage heissen Volado. Sie sind relativ mild und zeichnen sich vorallem durch gute Brandeigenschaften aus. In der Mischung einer Zigarre sorgen Volado-Blätter dafür, dass die Zigarre gut und regelmässig abbrennt. Die Blätter aus der mittleren Etage heissen Seco. Sie sind aromatisch und mittelkräftig. Patrick Martin von Patoro hat für diese Blattkategorie einmal den schönen Begriff «Filet der Tabakpflanze» verwendet. Blätter der obersten Etage heissen Ligero und verleihen der Zigarre Kraft. Eine Premium-Zigarre besteht in der Regel aus Blättern aller drei Kategorien.
Ist ein Blend zusammen gestellt, so können seine Eigenschaften geprüft werden. Dabei stehen in einem ersten Schritt die vier Geschmacksrichtungen süss, salzig, sauer und bitter im Mittelpunkt. Jede Geschmacksrichtung hat eine besondere Aufgabe: Süsse verleiht der Zigarre einen lieblichen Charakter und ist wahrscheinlich die wichtigste Geschmacksempfindung für die fertige Mischung. Salz, sofern es nicht zu dominant ist, fungiert als eine Art «Pfeffer» im Tabakblend und macht eine Mischung lebendig und interessant. Säuren regen die Speichelproduktion an. Fehlen sie, so trocknet der Mund aus, und der Rauch wirkt kratzig. Bitternoten komplettieren den Blend und lassen ihn uns als «ausgewogen» wahrnehmen.

Zur Frage nach dem Einfluss des Deckblatts auf den Geschmack meint Hendrik Kelner: «Es kommt drauf an». Generell ist der Einfluss des Deckblatts grösser, wenn das Ringmass klein ist und das Deckblatt einen grösseren Anteil am Gesamtblend erhält. Der Einfluss des Deckblatts steigt auch, wenn die übrigen Blätter eher mild im Geschmack sind. In Zahlen schätzt Kelner das geschmackliche Gewicht des Deckblatts auf 5 bis 25 Prozent.
Dies sind gewissermassen die Grundlagen des Tabakblendings. Der erfahrene Tabakblender wählt nicht nur zwischen Ligero, Seco und Volado, sondern unterscheidet weitere Zwischenstufen. Zudem berücksichtigt er bei seiner Auswahl unterschiedliches Saatgut, unterschiedliche Tabakfelder, unterschiedliche Jahrgänge und unterschiedliche Aging-Zyklen. Eingeschränkt wird die Freiheit der Blender durch den Zwang, dass die gewählten Tabake für eine neue Mischung später über Jahre hinweg konsistent verfügbar sein sollten. Die in den letzten Jahren boomenden Limited Editions sind für die Zigarren-Hersteller deshalb nicht nur aus Marketing-Sicht interessant; vorallem sind limitierte Zigarrenserien ein Geschenk für jeden Tabakblender, weil hier auch mit exotischen Tabaken gearbeitet werden darf, die nicht unbeschränkt verfügbar sind.