Harte Zeiten für Vegueros
In der Tabakzeitung vom 19. Februar ist der Hintergrundartikel «Rationalisierungsdruck: Harte Zeiten für Vegueros» erschienen. Die Autorin Gabriela Greess hat den Artikel freundlicherweise für die Veröffentlichung im Cigar Blog freigegeben:
Rationalisierungsdruck: Harte Zeiten für Vegueros.
Pünktlich zum bevorstehenden Habanos Festival bringen die Vegueros in Pinar del Rio einen Löwenanteil ihrer «goldenen Fracht» in die Trockenschuppen: bestaunt von einem internationalen Fachpublikum, das wie jedes Jahr auch die Felder im Westen Kubas besucht.
Vor der diesjährigen Tabakernte ist die Spannung besonders gross. Denn in dem tragenden Wirtschaftszweig wurde eine weit reichende Umorganisation angekurbelt, auf deren Auswirkungen nicht nur Spezialisten ihren Fokus gerichtet haben. Die bereits im letzten Jahr eingeleitete Rationalisierung im Tabakanbau wurde in einem kürzlich erschienenen Bericht der deutschen Monatszeitung «Granma International» ausführlich thematisiert
In der internationalen Ausgabe der wichtigsten kubanischen Tageszeitung präzisiert Vladimir Andino, Direktor des kubanischen Tabakforschungsinstituts, das ehrgeizige Ziel: «Wir wollen auf weniger Hektar Anbaufläche eine vergleichbare Menge Tabak wie im Vorjahr ernten.» Die ersten vorliegenden verlässlichen Zahlen machen Mut: Bis Mitte November 2009 seien bereits 8’000 Hektar mit Tabak bestellt worden und damit doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Das entspreche der vorgegebenen Marschrichtung, mit weniger Ressourcen, Arbeitskräften und Anbauflächen die Effizienz in diesem wichtigen Wirtschaftszweig zu erhöhen. In der vergangenen Anbausaison, die im Oktober 2009 begann, wurden rund 18’800 Hektar mit Tabak bepflanzt. Dabei wurden kaum Maschinen eingesetzt. Stattdessen werden 95 Prozent der Fläche von Zugtieren bestellt.
Im letzten Quartal 2009 wählte man in einer strengen Selektion etwa 14’000 Tabakpflanzer aus, um das Planziel zu erfüllen. Von den insgesamt 18’000 Vegueros der Region baut das Gros Tabak im Nebenerwerb an. Als Konsequenz der Rationalisierung musste jedoch fast jeder Vierte diesen traditionellen zusätzlichen Erwerbszweig abstossen und sich alternativ auf den Anbau von Gemüse, Knollenfrüchten und Bananen konzentrieren.
Fachkräfte vor Ort filterten jene Tabakbauern heraus, die sich bisher durch höchste Qualität und Effizienz ausgezeichnet hatten. «Die anderen werden wieder in die Tabakproduktion eingegliedert, wenn es zu einer Verbesserung des Markts kommt», unterstreicht Eduardo Rodriguez, zuständiger landwirtschaftlicher Leiter des Sektors.
Beeinträchtigender Orkan, dafür ausreichend Niederschläge
Rückblickend meint Rodriguez zu den klimatischen Bedingungen der diesjährigen Erntesaison: Der Orkan Ida habe zwar in Pinar del Rio etwa 10’000 Pflanzungen beeinträchtigt. Insgesamt könne er jedoch eine positive Bilanz ziehen. Die Niederschläge hätten die Staubecken aufgefüllt, was die Bewässerung garantiert habe.
Vladimir Andino analysiert die aktuelle Lage nüchtern: Aufgrund des international schwieriger gewordenen Tabakmarkts sowie den Auswirkungen der Rauchverbote sei auch die Nachfrage nach Habanos weltweit zurückgegangen. Um die Einbussen wettzumachen, arbeite man in Kuba verstärkt an noch höherer Qualität.
Das Forschungsinstitut für Tabakanbau verbessert fortlaufend die Widerstandsfähigkeit der Tabakpflanze durch genetische Auslese. Eumelio Espino, stellvertretender Direktor, erläutert den Status quo: zum einen gebe es mehrere natürliche Schädlinge, die den kubanischen Tabak bedrohten. Deren chemische Kontrolle sei sehr teuer.
Hinzu komme die Belastung durch Ozon. Diese werde nicht von Kuba selbst produziert, sondern schwappe aus den nahen USA quasi als exportierte Umweltverschmutzung herüber; weiter sei der Blaue Schimmelpilz ein potenzieller Schadensverursacher. Dessen Sporen gelangen durch Luftströmungen aus den Ländern Mittel- und Nordamerikas auf die Antilleninsel. Dank konventioneller Methoden in der genetischen Kreuzung sei man aber auf bestem Wege, neue Sorten zu entwickeln. Diese seien gegen alle Schädlinge immun.
Espino hob hervor, dass durch bisherige Programme des Forschungsinstituts die Sorten Habana 92, Habana 2000, Criollo 98 und Corojo 99 gewonnen werden konnten: «Das sind die vier schwarzen Tabake, auf denen die Produktion unserer Havannazigarren beruht.» Gegenwärtig erfolge der gesamte Tabakanbau mit widerstandsfähigeren Sorten, die alle durch das Institut hervorgebracht worden seien.
Experten arbeiten derzeit auch an der Entwicklung eines Samens für die Canavaliabohne, die als Dünger zur Bodenverbesserung genutzt wird. Diese Hülsenfrucht wurde bereits auf 134 Hektar in Pinar del Rio und im Bezirk von La Habana ausgesät.
Es ist geplant, nach der Tabakernte damit bis Juni 2010 etwa 6’715 Hektar zu bestellen und dadurch die Qualität der Böden für den Tabakanbau noch weiter zu verbessern. Für nächstes Jahr haben die Kubaner zudem zwei neue Trümpfe, um das «braune Gold» noch effizienter zu kultivieren: zum einen die doppelreihige Aussaat sowie die so genannte «Feldbestellung Null». Diese natürlichen Methoden sollen die umweltgerechte Bestellung der Böden weiter verbessern und noch ertragsreichere Ernten liefern.