Heinrich Villiger über die Lage der kubanischen Zigarrenindustrie
5th Avenue-Geschäftsführer Heinrich Villiger (5th Avenue)
Die Presseagentur Reuters meldete vor einigen Tagen, in Folge der Wirtschaftskrise würde Kuba die Menge der Tabakanbaufläche um 30 Prozent verringern («Reaktion auf rückläufige Absatzzahlen: Habanos verknappt das Angebot»). Daraufhin meldete sich via Cigar Aficionado die Marketingchefin von Habanos SA zu Wort und erklärte, die Zigarrenproduktion sei davon nicht betroffen (zitiert im Cigar Wiki Blog). Und zwar, weil die Zigarrentabake nur 3 Prozent der gesamten Tabakernte Kubas ausmachen würden. Ich hatte die Gelegenheit, mit Heinrich Villiger von 5th Avenue über diese Zahlen und über die allgemeine Lage in der kubanischen Tabakindustrie zu sprechen.
Herr Villiger, in der Presse konnte man lesen, dass Habanos die Zigarrenfertigung drosseln würde, um auf die rückläufige Nachfrage zu reagieren. Kuba dementierte diese Meldung kurz darauf. Wie präsentiert sich die Lage aus Ihrer Sicht?
Zu den Zahlen, die in der Presse herum geboten wurden, kann ich nur teilweise Stellung nehmen, weil auch wir als offizielle Importeure von Habanos für Deutschland (5th Avenue Products Trading GmbH) und für die Schweiz (Intertabak AG) seitens unserer kubanischen Partner und Lieferanten (HABANOS, S.A.) eher weniger als mehr Informationen erhalten als die internationalen Presseagenturen.
Da praktisch alle durch den letzten Hurrikan zerstörten Trockenschuppen inzwischen wieder aufgebaut sind, lässt sich das bisherige Anbauvolumen halten – sofern dies so gewollt sein sollte. Wir haben es ja nicht mit einer freien Marktwirtschaft zu tun. Schwankungen von bis zu 10 Prozent nach oben oder unten je nach Wetterbedingungen, Ernteerträgen, etc. sind auch beim Tabakanbau eher die Regel als die Ausnahme.
Die aktuelle Wirtschaftskrise und die weltweit zunehmenden Rauchverbote bzw. die Antitabakkampagne der WHO ging selbstredend auch an den Havannas nicht ganz schmerzlos vorbei. Die weltweite Absatzentwicklung kann als «differenziert» bezeichnet werden. Es gibt Länder sowohl mit Absatzeinbrüchen als auch sog. «emerging» markets mit Absatzzuwächsen. Im Durchschnitt ist Kuba «mit einem blauen Auge» davon gekommen, aber die Produktion musste gedrosselt werden. Es liegen zumindest relativ grosse Mengen von Exportzigarren auf Lager, ob aus Überproduktion oder im Hinblick auf eine Lockerung oder Aufhebung des US-Embargos ist uns nicht bekannt.
Wenn es der Wirtschaft wieder besser geht und sich der US-Markt öffnen sollte, wird sich umgekehrt die Frage stellen: Kann Kuba die Zigarrenfertigung weiter steigern?
Vorweg: die für den Tabakanbau und für die Zigarrenfabrikation zuständige staatliche Organisation ist die TABACUBA, die direkt dem Landwirtschaftsministerium untergeordnet ist und von Oscar Basulto geführt wird. Die HABANOS, S.A. ist eine Aktiengesellschaft nach kubanischem Recht und ausschliesslich für den Export von kubanischen Handrolled Zigarren zuständig (nicht für den Verkauf im Inland und auch nicht für den Vertrieb der maschinell hergestellten Produkte). An HABANOS, S.A. sind je mit 50 Prozent TABACUBA und die spanisch-französische ALTADIS beteiligt. Letzteres Unternehmen wurde vor kurzer Zeit von der englischen IMPERIAL TOBACCO übernommen. Insoweit dürfte dies auch Ihnen bekannt sein.
Es ist ebenso bekannt, dass rund 50 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen in Kuba nicht bearbeitet werden, sondern brach liegen. Ich stellte vor kurzem Oscar Basulto die Frage, inwieweit die Rohtabakproduktion erhöht bzw. der Rohtabakanbau erweitert werden könnte. Seine Antwort: unbeschränkt (in Bezug auf die verfügbaren und für den Tabakanbau geeigneten Flächen). Was jedoch kurzfristig nicht verfügbar ist, ist die Infrastruktur für den Tabakanbau: die Aufbereitung von brachliegendem und verbuschtem Land, die hierzu erforderlichen Arbeitskräfte und Maschinen, Bewässerungsanlagen, qualifizierte Arbeitskräfte für Anbau und Manipulation der Ernte, zusätzliche Trockenschuppen, usw. Letztlich werden für den Tabakanbau Dünger- und Pflanzenschutzmittel benötigt, die teilweise nur gegen Devisen importiert werden können, die bei der derzeitigen katastrophalen wirtschaftlichen Situation in Kuba nicht zur Verfügung stehen.
Mit anderen Worten: eine auch mittelfristige signifikante Erhöhung der Rohtabakproduktion ist praktisch unrealistisch.
Eine allfällige Aufhebung des US-Embargos für Havanna-Zigarren würde unseres Erachtens kaum Auswirkungen auf Kuba haben. Zum einen werden jetzt schon nicht unerhebliche Mengen an kubanischen Zigarren nach den USA geschmuggelt, zudem ist der Gesamtmarkt als Folge der Wirtschaftskrise und massiven von Obama kurzfristig beschlossenen Steuererhöhungen rückläufig und letztlich sind alle vor-revolutionären kubanischen Marken in USA in den Händen von 2 Konzernen: ALTADIS / Imperial und Swedish Match und in USA bereits aus Herstellungen in der Dominikanischen Republik, Honduras, Nicaragua, usw. auf dem Markt, die signifikant billiger sind. Das führt zu Rechts- und Marketingproblemen, die nicht einfach zu lösen sind.
Ist es tatsächlich so, dass nur 3 Prozent der kubanischen Tabakernte für Habanos verwendet wird? Können Sie etwas über die Verwendung der übrigen 97 Prozent der kubanischen Tabakernte sagen?
Wie viel Prozent der gesamten kubanischen Tabakernte für die PREMIUM HABANOS verwendbar sind bzw. verwendet werden, ist uns nicht bekannt. Verwendet werden für diese Zigarrenkategorie ausschliesslich Tabake aus der Vuelta Abajo-Zone und Deckblätter aus der Region um San Antonio de los Baños (Partido Zone). Das sind die kleinsten Anbauzonen. Die grossen Quantitäten kommen aus dem östlich von Havanna gelegenen Teil der Insel, wo sich auch viele Zigarrenfabriken befinden, die nur für den Inlandbedarf arbeiten, ebenfalls alles Handarbeit, aber überwiegend Shortfiller. Nach unbestätigten Informationen werden im Inland mengenmässig mehr Zigarren abgesetzt als exportiert. Das sind andere Marken und andere Qualitäten als die PREMIUM HABANOS, die exportiert werden. Der Inlandabsatz dürfte bei etwa 150 Millionen Stück p.a. liegen. Die Mengen, die dem Raucher zur Verfügung stehen, sind beschränkt (Rationierung wie bei Lebensmitteln). Diese Zigarren sind in der Regel fester gerollt (= höhere Zugwiderstand), aber durchaus rauchbar.
Die Kubaner sind starke Raucher. Deshalb ist auch der Zigarettenkonsum hoch. Auch Zigaretten sind rationiert, d. h. es wird pro Person nur eine geringe Menge zu einem sehr niedrigen Preis abgegeben – wer mehr raucht, bezahlt für die zusätzliche Menge mehr. Der Rohtabakbedarf für die Zigarettenproduktion ist dementsprechend hoch und kann vermutlich durch den eigenen Anbau auf der Insel nicht gedeckt werden. Kuba kaufte deshalb in den vergangenen Jahren nicht unerhebliche Mengen an subventionierten billigen EU-Überschuss-Tabaken, die in der EU nicht absetzbar sind bzw. waren. Im Gegenzug exportiert Kuba qualitativ hochwertige Tabake sowohl für die Zigarren- als auch für die Zigarettenfabrikation. Die Exportmengen sind uns nicht bekannt. Die sog. Fluecured Zigarettentabake zeichnen sich durch niedrige Nikotin- und Kondensatwerte aus. Die grössten Importländer von kubanischen Zigarrentabaken (sog. Dark Air Cured Tabake) sind Spanien, Frankreich und Deutschland (hier Villiger).