Interview mit Felix Gutzwiller

Nationalrat Professor Felix Gutzwiller engagiert sich im Parlament an vorderster Front für verschärfte Gesetze gegen das Rauchen. Gutzwiller fordert unter anderem ein absolutes Rauchverbot am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum, in Restaurants und Bars. Aus aktuellem Anlass – morgen beginnt die Beratung des Gesetzes zum Schutz vor Passivrauch – hier noch einmal das Interview, das wir mit Felix Gutzwiller vor einem Jahr für unsere Kundenzeitung Premium-News geführt haben.
Herr Gutzwiller, viele Zigarrenraucher geniessen ihre Zigarren bewusst und verstehen die Zigarre als Kulturgut. Sie sind irritiert, dass die Politik nicht zwischen dem Genuss von Zigarren und dem Rauchen von Zigaretten differenziert. Verstehen Sie diesen Unmut?
Ich selber differenziere. Ich habe überhaupt nichts gegen den ungestörten Zigarrengenuss in einer schönen Lounge. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein selbstbestimmter Erwachsener völlig frei sein soll, welchen Lebensstil er führt, welche Genüsse, welche Risiken er sich selber zumutet, solange er seinen Nachbarn nicht schädigt.
Zigarrenraucher fühlen sich als Opfer einer etwas beliebigen «Hexenjagd». Weshalb kämpfen Sie nicht mit ähnlicher Vehemenz gegen den motorisierten Verkehr? Gegen ungesundes Essen?
Grundsätzlich kämpfe ich als liberaler Mensch gegen niemanden. Das ist ein falscher Ansatz. Ich habe mich immer gegen die Diskriminierung von Rauchern gewandt. Umgekehrt stehe ich für die Rechte der nicht-rauchenden Mehrheit der Bevölkerung ein, sowie auch für die Rechte des Personals auf einen rauchfreien Arbeitsplatz. Heute ist erwiesen, dass Passivrauch gesundheitliche Folgen mit sich bringt.
Sie argumentieren, dass mit Verboten in der Gastronomie nicht nur das Personal geschützt würde, sondern sich Verbote auch positiv auf den Geschäftsgang auswirken würden. Aus liberaler Sicht eine erstaunliche Auslegung der Dinge!
Alle Erfahrungen im Ausland zeigen: Die Umsätze steigen eher, die Akzeptanz der Kunden ist sehr gut, neue Klientengruppen, etwa Familien, können für die Gastronomie gewonnen werden. Der Tessiner Wirteverband zum Beispiel hat das, wohl auch mit Blick auf die guten Erfahrungen in Italien, verstanden. Liberal ist aus dieser Sicht, dass die Rechte der einen dort aufhören, wo die Rechte der anderen beginnen.
Vorerst sollen in der Gastronomie Fumoirs, spezielle Räume für Raucher, zwar erlaubt sein. Folgt man ihrer Logik – alle Angestellten sind vor Passivrauch zu schützen – sind aber auch die Tage der Fumoirs gezählt?
Fumoirs, gepflegte Raucherlounges etc. bleiben möglich. Es ist ja sicher keine Zumutung, sich den Drink in der Bar nebenan zu holen, um sich dann gemütlich in der Lounge niederzulassen!
Ist von einem liberalen Standpunkt aus nicht eine Lösung anzustreben, welche gegenseitige Rücksichtnahme über Verbote stellt?
Sicher ist die Rücksichtnahme die erste Strategie in einer zivilisierten Gesellschaft. Die Erfahrung der letzten 10, 15 Jahre zeigt allerdings, dass man damit leider nicht sehr weit gekommen ist. Deshalb braucht es die Umsetzung des liberalen Prinzips: Die Rechte der Nauchenden hören dort auf, wo die Rechte der Nichtrauchenden beginnen.
Thomas Mann schreibt im Buch «Der Zauberberg»: «Ich verstehe es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich darauf, ja ich kann sagen, dass ich eigentlich bloss esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag.» Was entgegnen Sie ihm?
Schönes Zitat! Aber eben: Geschrieben in einer Zeit, in der die Tuberkulose die wichtigste Lungenkrankheit war, und nicht der rauchbedingte Lungenkrebs sowie die Herz-Kreislauf-Krankheiten. Thomas Mann wusste noch nichts von der Epidemie an Raucherschäden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber entscheidend ist: Thomas Mann soll auch weiterhin seine Zigarre rauchen können, aber in seiner Schreibstube und nicht, wenn ich in der Nähe eine wundervolle Sushiplatte esse.
Welchen Wert hat aus ihrer Sicht Gesundheit? Ist Gesundheit des einzelnen unbedingt erstrebenswert, oder lässt sie sich in gewissem Masse gegen Werte wie Lebensqualität oder persönliche Freiheit aufwiegen?
Die Gesundheit ist für mich nichts Absolutes, ein sehr wichtiger Wert aber gewiss. Wichtig erscheint mir, dass jeder Mensch in Selbstverantwortung seinen Lebensstil wählen kann. Das bedingt volle Information und Transparenz, damit autonome Entscheidungen auch wirklich zustande kommen können. Und es bedingt, dass die Interessen der anderen einbezogen werden.
Wann wird in der Schweiz die letzte Zigarre geraucht?
Seien Sie beruhigt: Zigarre wird noch lange geraucht. Die Entwicklung in der öffentlichen Meinung und auch der Gesetzgebung führt nur dazu, wofür die Zigarre einmal gedacht war. Die Damen und Herren ziehen sich nach dem Essen in ihren Salon zurück!