Juwelen aus Nicaragua

(Bildquelle: Premium-cigars.ch)
Hans Bewersdorffs Rauchzeichen in der WAMS sind hier oft erwähnt worden (die letzte Ausgabe hat übrigens Ricci freundlicherweise abgetippt). Im vergangenen Oktober schrieb Bewerdsdorff über das Phänomen, dass karibische Zigarren in Europa anders schmecken können als in ihrer Heimat («Warum manche Zigarren bei uns nicht schmecken»). Dabei machte er auch auf eine Neulancierung aus Nicaragua aufmerksam:
«Fluch der Karibik» heißt der Kino-Knüller des Jahres. Mancher Zigarrenproduzent hat ihn schon anderweitig zu spüren bekommen. Jeder Aficionado kennt das Mysterium: Du bist auf Kuba und probierst eine neue Zigarrenkreation. Was für eine Mischung, totale Begeisterung. Stolz werden ein paar der Schätze mit nach Deutschland genommen. Zu Hause dann die Ernüchterung: Die neue Wunderzigarre schmeckt plötzlich ganz anders. Fad, nix mit Aromafeuerwerk.
Was ist passiert? Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe für den Zigarren-GAU: Wenn die Puro mehr oder weniger frisch vom Rolltisch kommt, schmeckt sie eher «jungfräulich», das heißt, die Tabakkomponenten wirken einzeln für sich und ergeben erst mit der Vermischung des Rauchs den geschmacklichen Gesamteindruck. Dieser kann sich aber noch erheblich verändern, wenn die Tabake reifen und sich die Aromen «vermählen». Schmeckt sie dann schlecht, hat man Pech gehabt. Sind die verwendeten Tabake gut gelagert und gereift, ist die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß, dass die Zigarre eine Niete wird.
Es gibt natürlich auch Tabake, die zwar gut vorbereitet sind, sich aber dennoch nicht vertragen. Hier sind das Geschick und die Erfahrung des Tabakmischers gefordert, der aus einer Vielzahl möglicher Tabaksorten genau die zusammenbringt, die miteinander können. Aber auch der Mischer kann mal einen schlechten Tag haben …
Der zweite Grund ist das Klima. Aromen werden mitbestimmt durch die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck. Manche Klimaeinflüsse begünstigen positive Nuancen, während negative Komponenten oft nicht zum Tragen kommen. Unser Klima hier ist anders, ruppiger, weder weich noch mild oder nonchalant. In der Karibik schmecken wir eine zarte Kraft, eine feine Süße und dezente Röstnoten. Die zarte Kraft wird bei uns zu heftiger Strenge, die feine Süße ist verflogen, und die dezenten Röstnoten sind einer unangenehmen Bitterkeit gewichen. Das vermeintliche Wunderwerk ist entzaubert, und selbst hartgesottene Aficionados rümpfen die Nase. Viele kennen dieses Phänomen vom Urlaubs-Landwein.
Profis wissen das, und bevor sie Tabak zur hiesigen Verarbeitung kaufen oder fertige Zigarren ordern, bedarf es oft monatelanger Tests, bis am Ende einer langen Kette ein Urteil feststeht. Nicht ohne Grund rauchte man früher im Norden unserer Republik, klimatisch bedingt, fast nur Brasilzigarren, im Westen und Süden fast nur Sumatra. Heute ist die Zigarrenwelt viel bunter, aber nicht jedes Produkt passt hierher. Manch einer erfolgreichen Zigarrenmarke wurde durch eine misslungene Neu-Kreation Schaden zugefügt. Wie man es richtig macht, zeigt das Beispiel Casa de Torres. Dieses Juwel aus Nicaragua gab es bislang nur in einem Blend (acht Formate). Leicht, aber doch aromatisch. Extrem erfolgreich ist man damit in Deutschland. Aber der Importeur, die Firma Schuster aus Bünde, fand es an der Zeit, das Sortiment zu erweitern. Es dauerte fast ein Jahr, bis man es geschafft hatte. Zunächst ging es darum, die vorhandenen Tabake in Nicaragua zu beurteilen. Geruch, Brennfähigkeit, Geschmack. Dann wurden jeweils aus den einzelnen, puren Tabaksorten Zigarren gerollt. Die Testreihe umfasste 35 Proben. Als Ergebnis konnte man verschiedene Tabake aussortieren und schließlich drei Mischungen festlegen. Diese wurden vor Ort probiert, in einer gewissen Menge produziert und dann nach Deutschland geschickt. Nach sechs Wochen Ruhephase kam der spannende Moment. Schmeckt’s oder nicht? Zwei Mischungen überzeugten Rohtabak-Profi Phillip Schuster nicht. Auch die dritte musste noch leicht verändert werden. Mithilfe der umfangreichen Notizen war das ganz präzise möglich. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mitte November kommt die neue, etwas kräftigere Mischung, in drei Formaten: Corona, Robusto und Churchill. Der Preis ist wie gewohnt bei Casa de Torres mehr als fair – 3,90, 4,40 und 4,50 Euro.
Die erwähnte neue Casa de Torres-Linie heisst Edición Especial und ist jetzt auch in der Schweiz erhältlich. Persönlich überzeugt hat mich das Churchill-Format. Die Zigarre schmeckt würzig und etwas cremig, der Rauch wirkt angenehm kühl. Eine wirklich schöne Ergänzung der klassischen Casa de Torres-Linie..