Vorrevolutionärer Tabak
Wenn ein Hersteller Zigarren aus unverschnittenem Havanna-Saatgut aus der Pre-Castro-Zeit vorstellt, klingeln nach der Geschichte um die Terre de Mythe die Alarmglocken. Über eine neue Variante der vorrevolutionären Kuba-Tabak-Werbung berichtete kürzlich Cigarcyclopedia: Tabacos de la Cordillera aus Costa Rica erklärt, über das weltweit letzte Saatgut mit einer «ungebrochenen genetischen Brücke zurück in das goldene Zeitalter der Havannas» zu verfügen. Nur die Zigarren von Tabacos de la Cordillera würden heute noch mit dem «opulenten Geschmack und verführerischen Bouquet einer authentischen Havanna» begeistern.
Die Aussicht auf Zigarren aus dem «goldenen Zeitalter der Havanna» ist verlockend. Aber was ist von den Legenden um den «vorrevolutionären Tabak» zu halten? Der Direktor von Tabacos de la Cordillera, immerhin ein Agraringenieur mit Spezialgebiet Gentechnologie, erklärt auf der Unternehmenswebsite, warum sich vorrevolutionäres Saatgut vom heutigen Kuba-Saatgut unterscheiden soll. Die Übersetzung von einigen Ausschnitten:
[Nach der Revolution ersuchte Kuba] Russland, die Wirtschaft der Insel durch Importe von Kubas Landwirtschaftserzeugnissen zu stützen. Russland brauchte aber Zucker, keine Zigarren. Castro löste das führenden Tabak-Forschungsinstitut der Insel «Cuban Land» auf und teilte die Tabakbauern und Agronomen der Zuckerproduktion zu. Saatgut-Banken und ausführliche Aufzeichnungen zu Boden und Nährstoffen, die nicht mehr gebraucht wurden, verschwanden. Tabakfarmen und Fabriken, früher der Stolz ihrer Besitzerfamilien, fielen in die Hände von Kollektiven und unter die Führung der kommunistischen Bürokratie. Die meisten der weltweit am höchsten eingestuften Grade 7-Zigarrenroller flohen vor dem Regime. Viele von ihnen folgten den Zigarren-Familien in die Karibik und nach Zentralamerika; andere öffneten in Miami, Tampa, New Jersey und anderen US-Städten kleine Boutiquen, wo sie ihre eigenen Zigarren rollten und lokal verkauften. Ersetzt wurden sie durch junge Arbeiter, die zwar begierig auf einen Arbeitsplatz, aber unerfahren waren. Auf diese Weise sind 300 Jahre geduldige und sorgfältige Zucht- und Entwicklungsarbeit verloren gegangen. Die Insel hat so ihre kostbare Erde, das Saatgut, alle Aufzeichnungen, das Talent der Tabakbauern und Zigarren-Familien und die meisten erfahrenen Zigarren-Roller verloren. Kuba vergass, wie man Zigarren macht.
(..) Als Russland Kuba verliess, musste Castro zur Kenntnis nehmen, dass seine Zigarren alles internationale Prestige und die dominierende Marktstellung von einst verloren hatte. Auf dem Land, das durch die Zuckerproduktion belastet war, wuchs nur noch minderwertiger Tabak, um die Nachfrage befriedigen zu können wurden die Produktions- und Reifezyklen verkürzt und unerfahrene Zigarrenroller eingesetzt, um die gedrängten Produktionspläne Castrons mehr schlecht als recht erfüllen zu können. Raucher, welche den Genuss einer echten Pre-Castro Puro kannten, weinten über das, was nun aus Havanna kam.
Amerikas Zigarrenboom der 90-er Jahre brachte eine junge Generation von Zigarren-Geniessern hervor. Für die «Verbotenen Früchte» aus Havanna bezahlten diese Fans, ungeachtet der Qualität, exorbitante Preise. In die USA wurden jährlich Millionen von «Havannas» eingeführt, wobei es sich laut dem Zoll bei über der Hälfte um Fälschungen handelte. Warum also sollte Castro seine Anstrengungen vergrössern und die Qualität steigern, wenn die Käufer ohnehin bereit waren, 20 Dollar für eine Zigarre zu bezahlen, die sein Regime nur 20 Cents kostete?
Über die Art und Weise, wie das Unternehmen zu dem kostbaren Saatgut aus alten Havanna-Zeiten gekommen sei, heisst es auf der Website:
(..) Das ist keine Geschichte über einen Saatgutschmuggel in einem hohlen Schuhabsatz. Der Zugang zu diesem seltenen genetischen Material öffnete sich mir durch meine [John Vogel, Direktor von Tabacos de la Cordillera] Arbeit und weltweiten Reisen. Mit vielen führenden Wissenschaftern auf dem Gebiet der Tabakforschung konnte ich Beziehungen knüpfen, mit Habanos-Tabakproduzenten genauso wie mit Gentechnologen. Dazu zählen auch Kontakte zu Mitarbeitern von «Cuban Land», dem kubanischen Forschungsinstitut, das auf dem Gebiet arbeitete, bevor es von Castro aufgelöst wurde.
Die gesammelten Proben stammen praktisch vollständig aus Kuba-Linien, die meisten davon direkt von der Insel. Bei anderen handelt es sich um kubanisches Saatgut, das in anderen Ländern wuchs… echtes African Cameroon und original Dominican Olor. Manche der Tabaksorten schliefen friedlich über sechzig Jahre lang… schon lange vor dem Castro-Regime. Ein Stamm geht auf einen Tabak zurück, aus dem nicht nur die persönlichen Zigarren von Castro gedreht wurden, sondern auch diejenigen des Mannes, den er gestürzt hatte: Fulgencio Batistia. Dieser Vorrat an unverschnittenem Saatgut setzt Tabacos de la Cordillera in eine weltweit einmalige Position.
Anders als damals bei Terre de Mythe kommen in dieser Geschichte keine geheimen kubanischen Tabakfelder vor. Das spricht sicherlich für ihre Glaubwürdigkeit. Hier liegt meines Erachtens aber gerade des Pudels Kern: Der Boden Kubas verzeiht viele Fehler – auch wenn Tabacos de la Cordillera auch dies anzweifelt (Cuban Soil, Cuban Sun Equal Cuban Cigars?: Myth and Facts).
Zweite kritische Frage: Haben nicht auch alle anderen Tabakbauern, welche aus Kuba flüchteten, ihr Know how und ihr kostbares Saatgut mitgenommen, und schaffen es trotzdem nicht, Zigarren mit echtem Kuba-Charakter herzustellen? Und schliesslich: Ganz alle fähigen Leute haben nach der Revolution Kuba nicht verlassen – siehe Alejandro Robaina. Es fällt mir deshalb auch in diesem Fall schwer, an die Wunder des vorrevolutionären Tabaks zu glauben.